Aktuelle Berichte

    Eltern auf Zeit für Kinder in Not

    Geben Kindern ein neues Zuhause: die Pflegeeltern Angelika und Stephan Born.

    Im Gespräch: Angelika und Stephan Born, Jugenddezernent Oliver Grobeis (links) und Jugendamtsleiter Ralf-Franz Bär (rechts) bei der traditionellen Adventsfeier im Hotel Zentlinde in Mossautal-Güttersbach, zu der das Jugendamt die Eltern und deren Pflegekinder einlädt.

    Starkes Team: „Eingerahmt“ von Jugenddezernent Oliver Grobeis (rechts) und Jugendamtsleiter Ralf-Franz Bär sind die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes zu sehen: Tanja Thomasberger, Meike Siefert und Claudia Gölz-Friedrich (von links), aufgenommen bei der traditionellen Adventsfeier des Jugendamts für Pflegefamilien im Hotel Zentlinde in Mossautal-Güttersbach. Neben ihnen stehen Karina Glabisch, die 14 Jahre lang im Pflegekinderdienst gearbeitet hat (zuletzt war sie als Abteilungsleiterin für ihn zuständig), und Rudi Ihrig. Glabisch hat vor kurzem ein anderes Aufgabengebiet bekommen, der Pflegekinderdienst gehört nun zum Allgemeinen Sozialen Dienst, den Ihrig leitet. Grobeis dankte Glabisch für ihren Einsatz für Pflegekinder und -eltern.

    Stephan und Angelika Born kann so leicht nichts aus der Bahn werfen. Lebenserfahren wie sie sind, unverdrossen – und stets auf alles vorbereitet. Gute Voraussetzungen für ihren nicht ganz einfachen „Beruf“: Die Borns sind Bereitschaftspflege-Eltern. Das heißt, sie nehmen im Auftrag des Jugendamts für eine gewisse Zeit Kinder bei sich auf, die ihre Herkunftsfamilien dringend verlassen mussten und vom Jugendamt in Obhut genommen wurden. „Wir geben ihnen ein Zuhause, bis klar ist, wie es mit ihnen weitergeht, ob sie zum Beispiel zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen, oder zur Dauerpflege in eine andere Familie kommen“, schildert Angelika Born.

     

    Wer meint, im Odenwaldkreis würden Kinder in Familien nicht vernachlässigt oder nicht unter Gewalt leiden, erntet von den Borns nur ein energisches Kopfschütteln: „Hier ist die Welt auch nicht heil.“ Sie bekommen viele Schicksale mit und geben – wie alle Bereitschaftspflege-Eltern – Kindern in einer Extremsituation neuen Halt.

     

    Grund genug für Jugenddezernent Oliver Grobeis und Jugendamtsleiter Ralf-Franz Bär, allen Eltern in der Bereitschafts- und der Dauerpflege am vergangenen Freitag (29.11.) bei der traditionellen Adventsfeier im Hotel Zentlinde in Mossautal-Güttersbach zu danken: „Sie prägen das Miteinander im Odenwaldkreis ganz wesentlich mit und geben Kindern, die es nicht leicht hatten, eine Zukunft.“ Derzeit gibt es zwölf Bereitschaftspflege- und 66 Dauerpflege-Familien im Kreis. So gut wie alle Plätze sind belegt, so dass das Jugendamt weitere Pflegeeltern sucht.

     

    Angelika und Stephan Born haben in ihren elf Jahren als Bereitschaftspflege-Eltern zehn Kleinkinder bei sich aufgenommen, derzeit ist ein zwei Jahre altes Mädchen bei ihnen. Einen Jungen haben sie in eine Dauerpflege übernommen, er ist mittlerweile zwölf. Auch er war gut zwei Jahre alt, als er zu ihnen kam.

     

    „Wir wachsen mit den Aufgaben, vor die jedes Kind uns stellt. Alle bringen ihr eigenes ,Paket‘ mit“, sagt Angelika Born. Am wichtigsten ist für sie und ihren Mann, den Kindern Geborgenheit zu geben und einen strukturierten Tagesablauf zu bieten, was Sicherheit verleiht. „Sie wissen: Es ist immer jemand für sie da“, so Stephan Born. Er ist 58 Jahre alt, seine Frau 54. Ihre Kinder sind aus dem Haus und haben mittlerweile eigene Familien.

     

    In der Regel nimmt das Jugendamt Kontakt zu Bereitschaftspflege-Eltern auf, wenn es ein Kind in Obhut genommen hat und rasch einen Platz braucht. Es ist den Borns aber auch schon einmal passiert, dass die Polizei vor der Haustür stand und ihnen ein Geschwisterpaar übergab, das vor gewalttätigen Eltern geschützt werden musste. Die Polizei hat eine Liste mit Adressen von Bereitschaftspflege-Eltern und weiß so, an wen sie sich wenden kann.

     

    Im Prinzip können Kinder von null bis zwölf Jahren in eine Bereitschaftspflege vermittelt werden. Die Kinder, die die Borns aufgenommen haben, waren meist ein, zwei Jahre alt. Es kam auch schon vor, dass ein Kind einmal mehrere Monate geblieben ist, bis klar war, wo es dauerhaft leben konnte. Den Übergang in eine neue Phase – sei es die Rückkehr eines Kindes in seine Herkunftsfamilie, die Aufnahme in eine neue Pflegefamilie oder in einer Einrichtung – können Stephan und Angelika Born mitgestalten.

     

    Von einem Pflegekind Abschied zu nehmen, fällt ihnen nie leicht. Sie gestalten den letzten gemeinsamen Tag ganz besonders, unternehmen zum Beispiel noch einmal einen tollen Ausflug. Bei allem Trennungsschmerz überwiegt die Gewissheit, den Kindern geholfen zu haben, wenn auch nur in einem begrenzten Zeitraum. „Aber auch in ein paar Monaten geschieht unglaublich viel. Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln“, schildern sie.

     

    Das Jugendamt unterstützt alle Pflegeeltern mit Fortbildungen und bietet auch Supervisionen an, wenn sie Fragen zur Erziehung haben. Überdies unterstützen sich die Pflegeeltern gegenseitig. „Wir sind sehr gut vernetzt“, sagt Angelika Born.

     

    Auch sie und ihr Mann haben zu Beginn ein Vorbereitungsseminar besucht, das das Jugendamt allen interessierten Paaren anbietet. Der Pflegekinderdienst des Jugendamts stellt in Einzelgesprächen und Hausbesuchen fest, ob potentielle Bewerber geeignet sind. Wichtig ist überdies ein Seminar, das mindestens einmal im Jahr angeboten wird und der intensiven Vorbereitung auf die Tätigkeit als Pflegeeltern dient. Wer sich bewirbt, muss mehrere Unterlagen vorlegen, etwa ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis.

     

    Wer wie die Borns in der Bereitschaftspflege tätig ist, bekommt eine Pauschale von 300 Euro im Monat dafür, je nach Einsatzplan mehrmals im Jahr und dann für einen Monat rund um die Uhr zur Aufnahme von Kindern zur Verfügung zu stehen, sowie 50 Euro täglich, sobald ein Kind aufgenommen wurde (in diesem Fall werden die 300 Euro verrechnet). Allerdings muss bei allen Pflegeeltern sichergestellt sein, dass sie ihren Lebensunterhalt aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten können.

     

    Angelika Born ist gelernte Kosmetikerin, ihr Mann arbeitet als Elektrotechniker. Die Entscheidung, Kinder bei sich aufzunehmen, reifte auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, dem Jakobsweg. Angelika Born war ihn alleine im Jahre 2007 gegangen – mit der Überlegung, ihrem Leben eine neue Richtung geben zu wollen. „Ich wollte noch einmal etwas ganz Anderes machen. Auf dem Weg lernte ich eine Pflegemutter aus dem Allgäu kennen, die begeistert von ihrer Aufgabe erzählt hat.“

     

    Wieder zuhause angekommen, haben die Borns mit dem Jugendamt erstmals Kontakt aufgenommen. 2008 sind sie den Jakobsweg dann zu zweit gegangen, und am Ende stand die Entscheidung fest: „Wir machen das.“ Warum? „Weil es so vielen Kindern auch bei uns schlecht geht und Reden allein nicht hilft. Und weil wir von dem vielen Glück, das wir in unserem Leben erfahren haben, etwas zurückgeben wollen.“

     

    Kontakt:

     

    Im Jugendamt ist ein Team des Allgemeinen Sozialen Dienstes für Pflegekinder und -familien zuständig. Wer sich informieren will, kann sich bei Claudia Gölz-Friedrich (06062 70-398), Meike Siefert (06062 70-1634) oder Tanja Thomasberger (06062 70-412) melden.

     

     


    02.12.2019


    LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen