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    Große Hilfe auf dem Weg ins Leben

    Glücklich und auch ein wenig stolz: Laura (Mitte) ist als Pflegekind bei Brigitte Jung (rechts) groß geworden. Ihren Weg begleitet hat Claudia Gölz-Friedrich vom Pflegekinderdienst des Jugendamts.

    Dass ein Kind zu seinen Eltern „Mama“ und „Papa“ sagt, ist klar. Bei Pflegekindern ist das so eine Sache. „Ich wusste nicht, ob ich ,Mama‘ oder ,Papa‘ sagen darf oder soll, als ich in meine Pflegefamilie kam“, sagt Laura. Kein Wunder: Sieben Jahre alt war sie damals. Vorher hatte sie ihre Tagesmutter mehrere Monate lang betreut, weil sie nicht bei ihrer leiblichen Mutter bleiben konnte. „Mir war gar nicht klar, wohin ich gehöre und wie es weitergeht, als es dann noch einmal einen Wechsel gab und ich in meine Pflegefamilie kam.“ Aber irgendwann wurden Brigitte Jung und ihr Mann auch für Laura zu „Mama“ und „Papa“. „Das war auch gut so“, sagt Laura. Denn das half mir, mich in die Familie einzuklinken.“ Laura hatte ihren Platz gefunden.

     

    Mittlerweile ist sie 19 Jahre alt. Grundsätzlich läuft eine Jugendhilfe-Maßnahme aus, wenn Jugendliche volljährig werden. So wurde auch das Pflegeverhältnis zwischen Laura und ihren Pflegeeltern mit ihrem 18. Geburtstag beendet.  Trotzdem lebt Laura noch in der Familie, bis ihre Ausbildung beendet ist und sie auf eigenen Beinen stehen kann. „Pflegekinder sollen lernen, selbständig leben zu können“, sagt Claudia Gölz-Friedrich vom Pflegekinderdienst des Jugendamtes. „Aber nicht immer ist der 18. Geburtstag dafür der Startschuss, gerade bei Pflegekindern nicht, die unter Umständen weitere Unterstützung brauchen.“ Als vorübergehende Jugendhilfe-Maßnahme gibt es noch die „Hilfe für junge Volljährige“, die helfen soll, den Übergang in die Selbständigkeit zu gewährleisten. Die finanzielle Basis für ihr weiteres Zusammenleben regeln die Jungs mit Laura mittlerweile ohne das Jugendamt. So kann Laura erst einmal weiter in der Familie wohnen, bis zum Jahr 2021, wenn sie ihre Ausbildung als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus abgeschlossen haben wird.

     

    Zufrieden sind alle aber nicht nur mit der jetzt gefundenen Lösung, sondern auch mit den gesamten zurückliegenden Jahren. „Laura hat ihren Weg gefunden“, sagt Brigitte Jung anerkennend. Das findet auch sie selbst: „Ich bin im Laufe der Zeit immer stärker und selbstbewusster geworden.“ Laura weiß, was sie an ihren Pflegeeltern hatte – gerade weil es zeitweise Konflikte gab, die gemeinsam bewältigt wurden. Auch mit Hilfe des Jugendamts und der Erziehungsberatungsstelle des Odenwaldkreises. „Sie in Anspruch zu nehmen, wenn es nötig ist, kann ich nur empfehlen“, sagt Jung.

     

    Zugute kam ihr, einer gelernten Kinderkrankenschwester, dass sie eine sehr erfahrene Pflegemutter ist. Die Familie bietet dem Jugendamt immer wieder Plätze für die Bereitschaftspflege an – für Säuglinge oder Kleinkinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können und vorübergehend untergebracht werden müssen, bis ein dauerhafter Pflegeplatz für sie gefunden ist. 14 Kindern haben die Jungs auf diese Weise schon geholfen, einen neuen Weg in ihrem noch jungen Leben zu finden. Laura war ihr erstes Kind in Dauerpflege. Vor einigen Jahren haben sie außerdem ein heute zehn Jahre altes Mädchen aufgenommen, ebenfalls in einer Dauerpflege.

     

    „Mein Mann und ich haben zwar viel Erfahrung, aber manchmal brauchen auch wir Unterstützung vom Jugendamt, das viel für Pflegeeltern macht“, sagt die 58 Jahre alte Brigitte Jung. „Wir bieten Fort- und Weiterbildungen an, es gibt Supervisionen und die Hilfe der Erziehungsberatung“, erläutert Gölz-Friedrich. „Wir ermuntern alle Eltern, diese Angebote zu nutzen, denn wir wollen, dass das Verhältnis von Pflegeeltern und –kindern gut ist, besonders in der Dauerpflege.“

     

    Derzeit hat das Jugendamt 64 Kinder und Jugendliche in Dauerpflegestellen untergebracht und drei Kinder in der Bereitschaftspflege. Der Pflegekinderdienst des Jugendamts sucht weitere Familien und andere Lebensgemeinschaften, die sich dieser anspruchsvollen, aber auch erfüllenden Aufgabe stellen wollen. Zu erreichen sind Claudia Gölz-Friedrich sowie ihre Kolleginnen Meike Siefert und Tanja Thomasberger unter den Telefonnummern 06062 70-398, 70-1634 und 70-412. Alle Pflegeeltern werden intensiv vorbereitet. Das Pflegegeld, das sie vom Jugendamt für ihre Tätigkeit bekommen, ist nach dem Alter der Kinder gestaffelt. Hinzu kommt noch ein Erziehungsbeitrag. Dafür wird vom Kindergeld ein gewisser Betrag abgezogen.

     

    „Die ganze Familie muss mitgenommen werden, wenn ein Pflegekind aufgenommen wird“, weiß Jung. „Das betrifft auch die eigenen Kinder.“ Jung und ihr Mann haben drei Kinder, die immer wieder mit neuen „Geschwistern“ zurechtkommen mussten. „Aber auch das ist uns ganz gut gelungen.“ Laura sagt es so: „Meine Familie ist die, in der ich aufgewachsen bin, nicht die, aus der ich komme.“

     

    Zu ihren drei leiblichen Geschwistern hat Laura einen unterschiedlich starken Kontakt. Ihre leibliche Mutter hatte sie anfangs noch regelmäßig gesehen, diese Beziehung aber mittlerweile abgebrochen. Ihr Vater ist schon seit langer Zeit aus ihrem Leben verschwunden. „Das, was früher war, ist Vergangenheit. Ich lebe im Jetzt“, sagt Laura. Stolz macht sie zum Beispiel, dass sie ihren Führerschein selbst finanziert hat und noch vieles andere gemeistert hat, bis hin zum Finden eines Ausbildungsplatzes. Sie weiß: „Ich habe es geschafft.“

     

     

     

     

     


    09.05.2019


    LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen