Aktuelle Berichte

    „320 Seiten geballtes Wissen im Jubiläums-Jahrbuch“

    Dank an die „Gründerväter des ,gelurt‘“: In der Jubiläumsausgabe sind Horst Schnur (links) und Georg Dascher (rechts) wieder als Autoren vertreten. Vor 25 Jahren waren sie maßgeblich an der Entstehung der Reihe beteiligt. Dafür dankte ihnen Landrat Frank Matiaske.

    „Nie wieder Krieg“. Deutlich sind die Worte auf dem Transparent zu lesen, das auf einem kleinen Lastauto vor dem Rathaus von Michelstadt steht. Auf der Ladefläche des Wagens und vor dem Auto stehen mehr als 40 Männer, unter ihnen Bürgermeister Heinrich Ritzel und der Beigeordnete Karl Neff. Sie gehören zum „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, einer 1924 gegründeten Organisation zum Schutz der Weimarer Republik. Aus dem Jahr 1925 stammt  das Gruppenfoto vor dem Rathaus, das als Titelbild für das Jahrbuch „gelurt 2019“ ausgewählt worden ist. Landrat Frank Matiaske stellte die Publikation am Mittwoch im Landratsamt vor.

     

    Das Foto gehört zum Beitrag von Heidi Haag „Heinrich Ritzel: Der Stratege und die Nazis“. Eindrucksvoll zeichnet die Autorin das Wirken des SPD-Politikers nach und schildert, was sich um ihn und seine Mitstreiter herum zwischen 1925 und 1933 zutrug. In seinem Vorwort geht Matiaske auf diesen Beitrag ein. „Er bietet viel Stoff zum Nachdenken“, äußert er mit Blick auf den Einsatz Ritzels für die Demokratie und manchen aktuellen Entwicklungen in Deutschland und anderswo, die Anlass zur Sorge gäben.

     

    Bei der Vorstellung des „gelurt“ machte Matiaske darauf aufmerksam, dass sich die Herausgabe des Buches in diesem Jahr zum 25. Mal jährt. „Diese Jubiläumsausgabe ist das schwerste ‚gelurt‘ aller Zeiten. Sie umfasst – dank der fleißigen ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren – 320 Seiten geballtes Wissen. Und trotzdem ist es dem Kreis und auch mir persönlich ein Anliegen, dass sie zum selben Preis verkauft wird wie auch die Ausgabe vor ihr, denn sie soll in möglichst vielen Bücherregalen ein Zuhause finden“.

     

    Insgesamt umfasst das Buch 29 Artikel von fünf Autorinnen und 22 Autoren. Fast alle waren der Einladung ins Landratsamt zur Vorstellung gefolgt. Redigiert und herausgegeben wurde das Buch wieder von Anja Hering, der Leiterin des Kreisarchivs. Auch sie blickte bei der Vorstellung des Jahrbuchs auf dessen Anfänge in den Jahren 1993 und 1994 zurück und dankte vor allem Georg Dascher und Horst Schnur – den, so Matiaske, „Gründervätern des ‚gelurt‘“.

     

    Das Wort aus dem Odenwälder Dialekt bedeutet so viel wie „genau hingesehen“. Hering, die schon damals Kreisarchivarin war, erinnerte daran, dass es nicht leicht gewesen sei, den Namen der neuen Publikation durchzusetzen.  „Aber die Odenwälder Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit gewannen, so dass wir heute das 25. Jahrbuch für Kultur und Geschichte vorstellen können.“

     

    Die Jubiläumsausgabe kann ab sofort im Buchhandel und im Kreisarchiv in Erbach erworben werden. Im Handel kostet es 18 Euro, Abonnenten zahlen 15,50 Euro.

     

     

    DIE AUTOREN:

     

    Außer Heidi Haag, die nicht nur über Heinrich Ritzel, sondern auch über das Forscherleben des „gelurt“-Mitbegründers Georg Dascher geschrieben hat (Anlass ist dessen 90. Geburtstag), haben folgende Autoren für das „gelurt“ 2019 Beiträge verfasst:

     

    Georg Dascher widmet sich dem Kanzley Protokoll 1652/53, das im
    Gräflich Erbach-Fürstenauischen Archiv in Steinbach liegt Festgehalten sind Kaufverträge, hier werden die Schweizer Käufer vorgestellt. Familienforscher wird dies freuen.

    Egbert Striller stellt als Zeichner eine allumfassende Geschichte der Edelkastanie vor, die Baum des Jahres 2018 ist. Er vergisst nicht, vor den Folgen des Klimawandels zu warnen. Außerdem macht der Anmerkungen zur Fichte; die Skizzen und Notizen zu diesem Artikel entstanden vorwiegend während der ehrenamtlichen Betreuung des Naturschutzgebietes Bullauer Eutergrund.

    Thomas Seifert hat über den Regisseur und Drehbuchautor Peter Sehr (1951-2013) aus Bad König geschrieben und stellt dem Leser dessen Entwicklung und filmisches Werk vor, das in enger Zusammenarbeit mit Sehrs Ehefrau Marie Noelle entstanden ist.

    Brigitte Diersch nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise vom 17. ins 21. Jahrhundert und beschreibt die baulichen Veränderungen am und auf dem Erbacher Marktplatz.

    Horst Schnur befasst sich damit, ob Einhard langobardische Baumeister zum Bau seiner Basilika nach Steinbach geholt hat. Man kann annehmen, dass auf der Baustelle neben dem damaligen Odenwälder Dialekt eine vorwiegend langobardische Sprachfärbung zu hören war – mit Worten wie sculthais (Schultheiß) und launegild (Lohngeld).

    Peter W. Sattler widmet sich der Reformation in der ehemaligen Kurpfalz und ihren Auswirkungen im Odenwald und zieht als Beispiele die Orte Wald-Michelbach, Grasellenbach und Abtsteinach heran.

    Antje Vollmer geht der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs im Odenwald nach. Der Odenwald war zwar kein unmittelbares Kriegsgebiet, aber er war Durchzugsgebiet der vielen Kriegstruppen, was genauso schlimm war.

    Ann-Kathrin Weber gibt einen Einblick in einen Briefwechsel der Adelshäuser Erbach und Löwenstein gut 100 Jahre nach dem Westfälischen Frieden. Dieser hatte zwar vieles geregelt, dennoch gab es zwischen den Häusern Rechtsstreitigkeiten, so dass man sich 1761 Rat bei der Theologischen und Juristischen Fakultät in Tübingen einholte.

    Heidi Banse   nimmt sich die Michelstädter Kirchenbücher vor und stellt fest, dass es nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Friedensschluss keinen ewig währenden Frieden gab. Die Bevölkerung musste immer wieder durchziehende Truppen unterstützen und versorgen, obwohl sie sich oft kaum selbst ernähren konnte. Unterstützt wurde sie in der Bildbearbeitung von ihrem Enkel Lukas Schnellbacher.

    Werner Heil hat seinen Beitrag mit „Keiner war schon immer da – Woher kamen die alten Odenwälder?“ überschrieben. Er kommt zu dem Schluss, dass auch im Odenwald mehr Menschen den Dreißigjährigen Krieg überlebten, als aus den bekannten Volkszählungen hervorgeht. Bei diesen Zählungen wurden nämlich nur die erwachsenen Männer berücksichtigt. Frauen, Jugendliche und Kinder wurden nicht erfasst.

    Thomas Steinmetz informiert über die Frühgeschichte von Kirchspiel und Zent Kirch-Brombach und wirft einen Blick auf die Zeit vor dem 13. Jahrhundert.

    Ernst Hieronymus berichtet über „Ein Dorf im Widerstreit rivalisierender Herrschaften“ und schaut auf das obere Gersprenztal, das über mehrere Jahrhunderte im Interessengebiet rivalisierender Standesherren lag - teils zum Nutzen der Untertanen, meistens aber zum Schaden der Bevölkerung.

    Johann Heinrich Kumpf lässt den Leser an einem Strafprozess in Darmstadt im Jahr 1853 teilhaben, bei dem Anna Maria und Philipp Vogt für einen Mord zum Tode verurteilt wurden. Die Hinrichtung, die erste hinter geschlossenen Mauern durchgeführte Exekution in der Provinz Starkenburg, fand mit einer eigens aus Mainz abgeholten Guillotine statt. 

    Ludwig Fertig beschreibt inEin Odenwälder Lehrer und Literat: Johann Luft (1798-1880) aus Heubach“ das schwierige Leben eines Lehrers, der seinen Beruf letztendlich aufgibt und sich der Schriftstellerei hingibt.

    Joachim Jänsch macht sich „Gedanken zur Schulschrift im deutschen Sprachraum“. Anlass dafür gaben sowohl die vielfältigen Erinnerungen an die Wiederkehr des hundertsten Todestages von Ludwig Sütterlin im Jahre 2017 wie auch die Diskussion darüber, ob Grundschüler überhaupt noch in eine Schreibschrift erlernen sollten.

    Klaus Wöber beschreibt inJohann Adam Imgrund (1810-1881) – Legende und Wahrheit
    Ein Beitrag zur Schulgeschichte von Haingrund“ die schwierigen Umstände eines damaligen  Lehrerlebens. Imgrund ist aber mit Leib und Seele Lehrer und stellt sich den Herausforderungen. So errichtet er sogar ein Schullokal und vermietet dies der armen Gemeinde.

    Heinz-Otto Haag beleuchtet ein jüdisches Schicksal: das Leben von Arno Bick und seiner Familie. Er war Lehrer in Michelstadt und leitete auch ein Knabenpensionat bis 1933. Die Familie Bick überlebte den Holocaust. 1959 starb Arno Bick in Tel Aviv, 1963 seine Frau Rosa Regina. Haag konnte sich auch auf Familienunterlagen stützen, da er in stetigem Kontakt mit den Nachfahren steht. 

    Philipp und Wolfgang Götz gehen den Hintergründen eines Flugzeugabsturzes bei Bullau im März 1945 nach. Die verunglückte Maschine war eine Heinkel He 111 der Transportgruppe 30, die verwundete Wehrmachtsangehörige, Angehörige der Wlassow-Armee sowie eine große Menge Post ausgehend von einer der Kanalinseln über Saint-Nazaire nach Deutschland, transportieren sollte.

    Stefan Toepfer von der Pressestelle des Odenwaldkreises beschreibt, dass die 68er-Bewegung auch im ländlichen Odenwald stattfand und schildert Beispiele aus dem Gymnasium Michelstadt und bei den Jungsozialisten. Auch das Kloster Höchst spielte eine wichtige Rolle. Außerdem hat er den Jahresrückblick der Kreisverwaltung verfasst.

    Werner König widmet sich dem Umgang mit der Geschichte der jüdischen Mitbürger    nach dem Zweiten Weltkrieg in Michelstadt. Der Autor war Magistratsmitglied und kann aus erster Hand berichten, wie sich die Erinnerungskultur entwickelte.

    Rolf Reutter schreibt über die Ober-Finkenbacher Kammfabrik. Ihr Gründungsdatum ist bisher nicht bekannt, sie erscheint um 1770 als Papiermühle. Der Autor schildert die Geschichte der Kammfabrik und ihrer ehemaligen Besitzer.

    Ulrich Herrmann entführt den Leser abermals in die bunte und Vielfalt des Odenwälder Dialektes. Zum Beispiel zum Wort „bauf“, das mehrere Bedeutungen hat, „prompt“, „ohne großen Aufwand“ oder „dauernd“. Auch Odenwälder Originale werden vorgestellt, so der „Kalennerabreißer Leo aus Höchst“, dessen ganzer Lebensinhalt sein traditioneller täglicher Gang zu ihm wohlgesinnten Haushalten war, um dort akribisch die meist seinetwegen angeschafften Tageskalender abzureißen.

    Horst Wendel widmet sich der spannenden FrageGoldmachen in Erbach?“ und schreibt über die „Transmutation von Silber in Gold“, fürwahr eine kuriose    Geschichte aus dem 18. Jahrhundert mit vielen Unstimmigkeiten.

    Norbert Allmann beschreibt die Geschichte der Stadtmühle von Bad König bis zu ihrem Umbau in ein modernes Wohnhaus und die Geschichte ihrer Besitzer. Das Rädergelege mit Kammrädern und Wellbaum sowie die Transmissionswellen sind im Erdgeschoss des Mühlenbereiches noch erhalten und erinnern an den einstigen Mühlenbetrieb.

    Karl-Ludwig Schmitt stellt in der Bücherecke wieder allerlei Lesenswertes vor.

     

     

     

     


    07.12.2018


    LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen