Geschichte als eindringliche Mahnung

Besonderer Dank: Landrat Frank Matiaske (links) überreicht dem langjährigen Autor Georg Dascher das erste Exemplar des neuen Odenwälder Jahrbuchs für Kultur und Geschichte.

Neben dem Aufbau und der Pflege des kulturellen Gedächtnisses einer Region gehört es nach Auffassung von Landrat Frank Matiaske zu den wichtigsten Aufgaben der Heimatforschung, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus wachzuhalten. Mit Blick auf rechtsextremistisch motivierte Übergriffe in jüngster Zeit sagte er am Mittwoch (27.11.) im Landratsamt bei der Vorstellung des neuen Odenwälder Jahrbuchs für Kultur und Geschichte, des „gelurt“ 2020: „Wir haben aus unserer Geschichte heraus eine besondere Verantwortung, müssen deswegen wachsam sein, mahnen und das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit wachhalten. Dazu trägt auch die Erforschung der Heimatgeschichte bei.“

 

Im neuen „gelurt“ befassen sich einige Autoren eingehend mit jener Zeit. So beleuchtet zum Beispiel der erste Beitrag die Zerstörung des Rechtsstaats durch das NS-Regime anhand von zwei Beispielen aus dem Odenwald. Der Autor Thomas Seifert sagte, er habe damit unter anderem zeigen wollen, „wie schnell es geht, rechtsstaatliche Grundsätze durch einen Federstrich beiseite zu schieben“. Heinz-Otto Haag erinnert an Juden, die die NS-Zeit überlebt haben. „Es wird zu wenig danach gefragt, wie es ihnen ergangen ist“, sagte er. Um das Thema auch in der jüngeren Generation wachzuhalten, regte er einen Schüleraustausch zwischen einer Odenwälder und einer israelischen Schule an.

 

Andere Artikel drehen sich beispielsweise um den Anfang des Automobilismus im Odenwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Johann Heinrich Kumpf), den Bezug von Königin Victoria zum Odenwald (Horst Schnur) und um den im und vom Wald lebenden, „Dachsenfranz“ genannten Mann, der um das Jahr 1870 in den Odenwald kam (Hans-Günther Morr). Aus dem Nachlass von Wilhelm Rein stammt ein Beitrag, der einen Aspekt der Entwicklung von Steinbach zwischen 1850 und 1960 beschreibt. Wer wissen will, was „Blettköbb“ und „Bawweloddsche“ sind, sollte den Text von Ulrich Herrmann lesen, der sich abermals mit dem Odenwälder Dialekt befasst, dieses Mal mit einem Schwerpunkt auf Essen und Trinken.

 

Insgesamt haben 27 Frauen und Männer Beiträge für das „gelurt“ verfasst. Zu den langjährigen Autoren gehört der 91 Jahre alte Georg Dascher, der für die neue Ausgabe als Korrektor tätig war. Ihm übergab Landrat Matiaske das erste Exemplar.

 

Matiaske dankte allen Autorinnen und Autoren für ihren Fleiß bei der Recherche. „Es sind wieder viele lesenswerte Artikel zustande gekommen.“ Dank sprach er auch Kreisarchivarin Anja Hering aus, die das Buch gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen redigiert hat. Auch die Autoren dankten Hering für die Möglichkeit, ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Als „bleibende Aufgabe“ bezeichnete es Matiaske, auch jüngere Heimatforscherinnen und -forscher zu gewinnen, die für das Jahrbuch schreiben.

 

Das „gelurt“ 2020 ist für 18 Euro im Buchhandel zu haben oder für 15,50 Euro im Abonnement. Wer das Buch abonnieren will, kann sich bei Kreisarchivarin Hering unter der Telefonnummer 06062 70-467 melden.

 

 

Übersicht über die einzelnen Beiträge:

 

Thomas Seifert, Recht in Trümmern. Die Zerstörung des Rechtsstaates in der Zeit des Nationalsozialismus, dargestellt an zwei Beispielen aus dem Odenwald

 

Dieser Artikel zeigt anhand zweier Beispiele aus Bad König – Pogromnacht 1938 und Erschießung zweier englischer Kriegsgefangener 1944 an der Leuersruh –, wie rechtsstaatliche Grundsätze zunächst in Frage gestellt und dann zerstört wurden.

 

Brigitte Diersch, Doris Katz und ihre Familie auf der Flucht vor dem Holocaust

 

Die Autorin geht auf Spurensuche der jüdischen Familie Katz. Manche hatten Glück und konnten dem Holocaust durch Flucht entkommen. Viele wurden deportiert und getötet. Für den Artikel konnten Familienbilder zur Verfügung gestellt werden.

 

Heinz-Otto Haag, Mit dem Leben davongekommen, aber von allen vergessen

 

Der Autor beschreibt das Leben der „davongekommenen“ Juden, wie es ihnen während und nach der erzwungenen Emigration erging, wie sie in den Gastländern aufgenommen wurden und wie sie dort ohne finanzielle Mittel in einer fremden Kultur und Sprache mit berufsfremden Tätigkeiten ein Auskommen für sich und ihre Familie suchen mussten.

 

Barbara Linnenbrügger, Wiedergutmachung? Die Geschichte der Zigarrenfabrik Oppenheimer & Söhne

 

Barbara Linnenbrügger hat sich intensiv mit der Familie Oppenheimer befasst und steht mit den überlebenden Kindern in engem Kontakt. 2002 hatte sie Ruth David, Tochter von Margarete und Moritz Oppenheimer, kennengelernt und war danach oft mit ihr in Fränkisch-Crumbach und auf Gedenkveranstaltungen unterwegs.

 

Gerald Wassum, Erinnerungen an die Zeit hinter Stacheldraht. Ein Odenwälder in englischer Kriegsgefangenschaft 1944-1946

 

Der Autor veröffentlicht Auszüge aus dem Kriegstagebuch seines Vaters, der in englische Kriegsgefangenschaft geraten war. Heinrich Wassum, ein Michelstädter, zeichnete das Leben im Lager und gibt so interessante Einblicke in dessen Organisation.

 

Adam Sulzbach, Erinnerungen an den Kriegsdienst 1944/45

 

Der Autor erinnert an seinen kurzen Kriegsdienst als Siebzehnjähriger. Da er verwundet wurde, kam er schon bald mit einem Sonderzug wieder zurück nach Frankfurt und wurde in seine Heimat, Steinbach, entlassen.

 

Philipp und Wolfgang Götz, Tödlicher Nebel. Das tragische Schicksal des amerikanischen Piloten Robert E. Gelpke

 

Die Autoren, Vater und Sohn, sind auf den Spuren abgeschossener Flugzeuge während des Zweiten Weltkriegs im hessischen, bayerischen und badischen Odenwald unterwegs. Weniger im Fokus der Regionalforschung steht die Tatsache, dass auch in der Nachkriegszeit Militärflugzeuge verunglückten. Berichtet wird hier über den Absturz einer amerikanischen Jagdmaschine am 22. November 1945 in der Nähe von Hesselbach.

 

Franz Josef Schäfer, Die Darmstädter Familie Wolfskehl. Auszüge aus: Eine Handvoll Geschichten von Charlotte Kühner

 

In dieser Handvoll Geschichten blickt Charlotte Kühner, geb. Wolfskehl, auf ihre Zeit in Darmstadt zurück. Die Familie war seit dem frühen 17. Jahrhundert in Darmstadt ansässig. Es werden interessante Einblicke in das Leben einer bekannten wohlhabenden jüdischen Familie geboten. Bei der vorliegenden Auswahl wurden vor allem die Passagen zur Alltagsgeschichte der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts ausgesucht und alle Angaben zum Odenwald, etwa zum Personal in Häusern bürgerlicher Familien.

 

Horst Schnur, Königin Victoria – eine Notiz zu ihrem 200. Geburtstag am 24. Mai 2019

 

Der Autor geht auf die Verbindungen von Königin Victoria in den Odenwald ein. Spuren findet man etwa im Schloss Waldleinigen, aber auch in der Galerie im Amorbacher Schloss und in Eberbach.

 

Ludwig Fertig, Politisierung der Erzählprosa. Der Büchner-Preis-Träger Adam Karrillon in seiner Zeit

 

Adam Karrillon, 1853 in Wald-Michelbach geboren und 1938 in Wiesbaden gestorben, war im Jahr 1923 der erste Büchner-Preis-Träger. Der Autor zeigt Adam Karrillon aus einer anderen Perspektive und schildert, wie sein Wirken politisiert wurde.

 

Heidi Haag, Heinrich Ritzel: Streben nach einem besseren Deutschland

 

Im dritten Teil der biographischen Notizen zu Heinrich Ritzel wird die Zeit der Emigration und seine Rückkehr nach 1945 in die deutsche Politik Gegenstand der Forschung.

Ritzels Zeit im Kreis Erbach als Kreistagsvorsitzender und Bundestagsabgeordneter für die Kreise Erbach und Dieburg offenbart einen sehr engagierten Politiker.

 

Ulrich Herrmann, Mir Ourewäller. Der Tragödie vierter Teil

 

Der Autor widmet sich dieses Mal mit dem ABC der Odenwälder Ernährungsgewohnheiten. So werden viele Ausdrücke vor dem Vergessen bewahrt – von „Äbbelschalledd“ bis „Zirrefingge“.

 

Hans-Günther Morr, Der Dachsenfranz

 

Der „Dachsenfranz“ war zu seinen Lebzeiten eine bekannte Persönlichkeit im Odenwald. Er lebte im und vom Wald. Der Autor zeichnet die Zeit dieses Originals im Odenwald nach.

 

Wilhelm Rein (†), Steinbach bei Michelstadt i/Odw. Das Bild eines Jahrhunderts (1850-1960)

 

Präsentiert wird ein Auszug aus der Chronik, nämlich die Beschreibung des Alltags einer Steinbacher Familie um 1900.

 

Heidi Banse, Glück auf. Bergleute und ihre Familien in Michelstadt

 

Die Autorin, eine Kirchenarchivarin, hat Kirchenbücher und andere Quellen ausgewertet, in der viele Bergleute und Bergwerksangehörige genannt sind – mit Berufen, die heute nicht mehr bekannt sind.

 

Jochen Babist, Der Glimmerbergbau am Hohen Stein bei Ober-Kainsbach

 

Der Autor widmet sich der Geschichte eines ungewöhnlichen Bergbauversuchs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mit interessanten Bezügen nach Ost-Afrika.

 

Egbert Striller, Strandgut der Zeit – Die Flatterulme, Ulmus laevis, ist Baum des Jahres 2019. Anmerkungen eines Zeichners zur Ulme

 

Der Beobachter, Zeichner, Philosoph und Natur- und Weltenerklärer befasst sich wieder mit dem Baum des Jahres, diesmal mit der Flatterulme. Prägend sind seine Zeichnungen.

 

Antje Vollmer, Aberglaube, Teufelswerk und Hexenprozesse

 

Die Autorin stellt die These auf, dass die Hexenverfolgungen nicht durch die Obrigkeit ausgelöst, sondern von dem Volk gefordert wurden.

 

Werner Heil, Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin. Pfarrer als Vorhut der Schweizer Einwanderung

 

Der aus Bad König stammende und in der Schweiz lebende Autor befasst sich mit Reformierten Schweizern, die sich vorzugsweise in der ebenfalls reformierten Kurpfalz, die sich bis in den Odenwald erstreckte, ansiedelten. Auf der Basis dieser konfessionellen Verbundenheit entstanden vielfältige wirtschaftliche und weltanschauliche Verbindungen.

 

Rolf Reutter, Der jüdische Friedhof von Beerfelden

 

Die Errichtung des jüdischen Friedhofs war ein schwieriger und langer Weg. Es begann 1922. Das Erbacher Kreisamt hatte keine Kenntnis von einer jüdischen Gemeinde in Beerfelden und es wurden viele Einwände gegen die Errichtung an der Straße nach Sensbach gemacht. Trotzdem konnte das Gelände gekauft und der Friedhof errichtet werden, doch 1941 erfolgte der „kostenlose Rückkauf“.

 

Jutta Reisinger-Weber, Archivfund – Plan einer projektierten, aber nicht gebauten Kirche (1847)

 

Die Autorin schildert die Pläne des Kreisbaumeisters Georg Philipp Rasor für eine katholische Kirche in Breuberg-Neustadt, die jedoch wieder verworfen wurden. Zum Zuge kam ein anderer Architekt.

 

Thomas Steinmetz, Die Brauerei Hoffarth in Brensbach

 

Der Autor schreibt zu Beginn: „In einer beachtlichen Arbeit konnte Alexander Körner kürzlich eine überraschende Vielzahl von ehemaligen Braustätten in Brensbach ermitteln, die längst in Vergessenheit geraten sind. Anders ist es mit der bis 1956 betriebenen Brauerei Hoffarth in der Heidelberger Straße 40, deren Gebäude bis heute überwiegend erhalten sind.“ Ihr ist der Beitrag gewidmet.

 

Johann Wilhelm Kumpf, Wegbereiter des Automobilismus im Odenwald.

Die Kraftfahrzeugbesitzer im Kreis Erbach 1909

 

1909 erschien als einmalige Ausgabe das Deutsche Automobil-Adreßbuch. Darin findet man alle Kraftfahrzeugbesitzer in der Reihenfolge der Kennzeichen ihrer Autos. Zu den rund 46.000 Kennzeichen gehören gut drei Dutzend aus dem Kreis Erbach. Der Autor geht den Lebensspuren der Fahrzeughalter nach und gibt facettenreiche Einblicke in die regionale Geschichte insbesondere des Verkehrs, der Wirtschaft und des Automobilsports.

 

Peter W. Sattler, Die Ölmühle im Kimbachtal bei Bad König.

Gründung, Blüte und Niedergang einer Industrieanlage im Odenwald

 

Über die Mühlen im Odenwald ist schon viel publiziert worden – die Mühlen im Mümlingtal allerdings sind nur lückenhaft dokumentiert, auch die Ölmühle bei Bad König. Der Autor schließt diese Lücke.

 

Norbert Allmann, Zur Entwicklung der Apotheken im Odenwaldkreis

 

Der Autor schildert die Geschichte der Apotheken im Kreis. Die Anfänge des Apothekenwesens liegen im 16. Jahrhundert, nachdem es Ausbildungsstätten an Universitäten gab.

 

Karl-Ludwig Schmitt, Bücherecke

 

Stefan Toepfer, Jahresrückblick der Kreisverwaltung


28.11.2019


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen