Europa und der Odenwald (6 und Ende): Was sich junge Leute von der EU erhoffen

Sehen in Europa nur Vorteile und sind für den Erhalt der Europäischen Union: Erik Leutz, Simon Libal, Luca Quaiser und Annika Leidermann (von links) sind Schüler am Beruflichen Schulzentrum Odenwaldkreis und profitieren von dessen Qualifikation als „Europaschule“.

Ihre nächste Auslandsreise hat Annika Leidermann schon seit längerem geplant: Auf die Schülerin des Beruflichen Schulzentrums Odenwaldkreis (BSO) wartet ein vierwöchiges Praktikum in Dänemark. Sie besucht eine bilinguale Klasse und freut sich schon auf die vor ihr liegende Zeit. Das BSO hat die Organisation des Praktikums übernommen. „So profitiere ich ganz direkt davon, dass die Schule eine ,Europaschule‘ ist“, sagt die Achtzehnjährige.  Auch ihr Mitschüler Simon Libal sieht darin einen klaren Vorteil, etwa den, dass die Schüler am BSO mehrere Zertifikate erwerben können, zum Beispiel im Bereich Sprachen, ohne einen riesigen Aufwand betreiben zu müssen.

 

 

Das Zertifikat „Europaschule“ hat das in Michelstadt angesiedelte BSO seit 2002. Vergeben wird es vom Land Hessen, insgesamt gibt es 34 Europaschulen im ganzen Bundesland. Alle fünf Jahre wird überprüft, ob eine Schule den Namen auch weiterhin tragen darf. Im BSO steht die Zertifizierung im nächsten Jahr wieder an. Hierbei wird von einer Europaschule auch erwartet, dass sie in den Lehrmethoden und Unterrichtskonzepten besonders engagiert ist und die Rolle eines Innovators übernimmt. Schulleiter Wilfried Schulz nimmt die Überprüfung ernst. Er weiß aber auch darum, wie tief der europäische Gedanke in allen Lehrplänen an seiner Schule inzwischen verwurzelt ist. „Wir sind international aufgestellt und machen den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung Europas bewusst. Politisch, aber auch ganz konkret, indem sie erfahren, welche Chancen ihnen Europa bietet.“

 

So können Gymnasiasten am BSO als Zusatzqualifikation zum Abitur das European Business Baccalaureate Diploma erwerben, einen international anerkannten Abschluss, mit dem gute Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge in Europa und eine wirtschaftsbezogene Fremdsprachenkompetenz nachgewiesen werden. Bestandteil des Diploms ist das Zertifikat English for Business an der London Chamber of Commerce and Industry, das Gymnasiasten auch als eigenständiges Angebot gemacht wird.

 

Auch für angehende Industrie- und Bankkaufleute gibt es am BSO ein europaweit anerkanntes Fremdsprachenzertifikat. Außerdem pflegen die Schreiner-Auszubildenden einen engen Kontakt zu ihren Kollegen in Rumilly. Im vergangenen Jahr war bereits zum 14. Mal eine Schülergruppe in der französischen Partnerstadt von Michelstadt. Außer mit dortigen Schulen gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Partnerschulen in Belgien, Italien, Dänemark, Finnland und Tschechien, zum Beispiel zum Thema E-Learning.

 

„Das alles zeigt beispielhaft, dass und wie Europa in unserer Schule gelebt wird“, sagen Schulleiter Schulz und die für die Europaschul-Projekte zuständige Oberstudienrätin Andrea Dürr. Schuldezernent Oliver Grobeis würdigt dieses Engagement: „Jungen Menschen die Bedeutung der europäischen Einigung und von interkulturellem Lernen nahezubringen, ist eine Aufgabe von Schule generell. Das BSO zeigt, wie es gehen kann.“

 

Fest zum Programm gehört überdies eine Europawoche, die immer Anfang Mai begangen wird und die in diesem Jahr als einen Schwerpunkt die Vielfalt der europäischen Küche zum Thema hatte. Dabei waren die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Ernährung und Gastronomie aktiv. Ganz im Zeichen der Wahl zum Europäischen Parlament stand Ende März ein „Speed-Dating“ mit mehreren Politikern auf dem Programm. Auch diese Veranstaltung diente der Meinungsbildung der Schülerinnen und Schüler, die in der Woche vor der Wahl zum Europäischen Parlament in ihrer Schule an einer „Juniorwahl“ teilnehmen können.

 

„Mit diesem Projekt wollen wir die Bedeutung jener Wahl aber auch von Wahlen insgesamt für die Demokratie deutlich machen“, so Dürr. Finanziert werden Projekte wie dieses mit einem bestimmten Budget, das der Schule vom Land Hessen zur Verfügung gestellt wird.  Über das Programm „Erasmus +“ werden Auslandspraktika finanziell unterstützt, auch dasjenige, das Annika Leidermann bald macht. „Diese Praktika während der Ausbildung werden gut angenommen, nicht zuletzt von den künftigen Fremdsprachensekretärinnen und -sekretären“, so Schulz.

 

Annika Leidermann und ihre Mitschüler aus dem Gymnasialzweig des BSO, Simon Libal, Luca Quaiser und Erik Leutz, schätzen an der EU vor allem die Reisefreiheit und die weitgehend einheitliche Währung. Die Schüler, die außer Simon alle 18 Jahre alt sind, wissen noch nicht, ob sie am 26. Mai an der Europawahl teilnehmen. „Bei anderen Wahlen, etwa der Landtagswahl, ist es leichter, an Informationen zu kommen als bei der Europawahl“, sagen sie. Allerdings fühlen sie sich dank der Schule informierter als manch anderer Bürger, weil die Wahl Thema im Unterricht sei und die Schule auch viele Veranstaltungen mit Politikern organisiere.

 

Die Schüler sehen die EU grundsätzlich positiv. Annika Leidermann wünscht sich jedoch noch weitere Vereinheitlichungen, „die dem Bürger direkt helfen, zum Beispiel, das die Krankenkassenkarte in allen europäischen Ländern akzeptiert wird und man im Urlaub nicht eine extra Versicherung braucht oder selbst Geld vorlegen muss“. Erik sagt: „Die EU ist sehr sinnvoll, hat aber auch immer wieder große Probleme zu bewältigen, aktuell den Brexit.“ Es lohne sich aber, für den Erhalt der EU zu arbeiten.

 

Lucas Vision ist, dass die EU weiter wächst und „irgendwann die ganze Erde eine Gemeinschaft bildet“. Was das für ihn heißt? „Kulturelle Unterschiede sollten erhalten bleiben, aber jeder Mensch sollte überall die gleichen Chancen haben und unter gleichen Standards leben können, zum Beispiel in der Bildung, Gesundheitsversorgung und Sicherheit.“ Dann würde eine Hoffnung wahr, die Luca hat: als „Weltbürger“ leben zu können.

 

Bisher erschienen: Teil 1
(International gut vernetzt - Partnerschaften mit Städten und Regionen)

 

Bisher erschienen: Teil 2 
(„Ein Erfolgsmodell, das wir fortführen müssen“)

 

Bisher erschienen: Teil 3
(Millionen für Landwirtschaft, Regionalentwicklung und Gründer)

 

Bisher erschienen: Teil 4
(Die Firma Bechtold & Sohn agiert international)

 

Bisher erschienen: Teil 5

(Ein Gespräch mit der aus Erbach stammenden Diplomatin Verena Gräfin von Roedern)

 


13.05.2019


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen