Serie Europa und der Odenwald (5): Ein Gespräch mit der aus Erbach stammenden Diplomatin Verena Gräfin von Roedern

Deutsch-französische Freundschaft: Bei der Feier zum Tag der Deutschen Einheit 2018 werden im Rathaus von Bordeaux Männer und Frauen für ihre Verdienste geehrt. Überreicht wird der Preis der deutschen Botschaft von Generalkonsulin Verena Gräfin von Roedern (Mitte). Links steht Stadträtin Florence Forzy-Raffard. Die Preisträger sind (von links) Gerd Michelmann, der viele Austauschprojekte organisiert hat, Gabriel Liegeois, Mitbegründer eines Jumelage-Dachverbands, Marie-Lys Singaravelou, die sich für Begegnungen von Künstlern einsetzt, und Lyliane Isendick-Malterre, die sich stark in einem Städtepartnerschaftsverein engagiert. Foto: Generalkonsulat Bordeaux

Verena Gräfin von Roedern, Generalkonsulin in Bordeaux, sieht eine enge deutsch-französische Freundschaft als entscheidend für die Zukunft Europas an. Mit Blick auf den Brexit und das Anwachsen rechtspopulistischer Parteien in vielen europäischen Ländern sei die „deutsch-französische Kooperation, die offen für andere Partner ist und sich für ein starkes und geeintes Europa einsetzt, von überragender Bedeutung“, hebt die gebürtige Erbacherin im Gespräch mit der Pressestelle des Odenwaldkreises hervor. In Zeiten von „America first“ könne die Antwort nur „Europe united“ lauten.

 

Die Diplomatin wirbt überdies für eine Neuakzentuierung der deutsch-französischen Städtepartnerschaften, die durch den Aufbau und die Pflege persönlicher Kontakte viel zum Abbau von Feindschaften zwischen den beiden Ländern beitragen hätten. „Das Bild über den jeweiligen Nachbarn war sicher nie so gut wie heute.“ Die persönlichen Kontakte würden immer wichtig bleiben, „allerdings geht es jetzt auch darum, vom anderen zu lernen“, sagt sie, etwa mit Blick auf Infrastruktur, Abfallentsorgung, Klimaschutz und Integration von Ausländern. Im Odenwaldkreis gibt es acht Partnerschaften mit französischen Kommunen; die erste, 1963 geschlossene Verbindung war jene zwischen Pont-de-Beauvoisin und Erbach.

 

In der Kreisstadt kam Verena Gräfin von Roedern im Jahr 1955 zur Welt und machte 1974 am Gymnasium Michelstadt Abitur. Danach studierte sie Jura in Heidelberg und München. Dem Eintritt in den diplomatischen Dienst im Jahr 1984 gingen mehrere längere Aufenthalte in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Argentinien voraus; schon als Schülerin hatte sie Kontakte ins Ausland gepflegt. Generalkonsulin in Bordeaux ist sie seit Juli 2018, davor war sie unter anderem als Generalkonsulin in Edinburgh, Botschafterin in Nepal und Generalkonsulin in Pakistan tätig. „Ich verstehe mich als Kosmopolitin mit einer starken Verankerung in Europa sowie in Deutschland“, so die Diplomatin.

 

Die wichtigsten Errungenschaften der Europäischen Union sieht sie außer in der Sicherung von Frieden in den vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes, dem freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Davon profitieren ihrer Auffassung nach nicht zuletzt junge Leute. „Erasmus +, das internationale Mobilitätsprogramm der EU, hat Türen und Tore für junge Europäer geöffnet und ihnen ganz andere Möglichkeiten zum Erlernen einer Fremdsprache und zur beruflichen Flexibilität gegeben.“

 

Verena Gräfin von Roedern wirbt eindringlich dafür, am 26. Mai an der Wahl zum Europäischen Parlament teilzunehmen: Die Entscheidung für die eine oder andere Partei könne zwar manchmal schwer sein, aber „sich durch Nicht-Wählen der Einflussnahme auf den politischen Entscheidungsprozess ganz zu entziehen, halte ich für keine Alternative“.

 

 

Das Interview im Wortlaut:

 

„In Zeiten von ,America first‘ kann unsere Antwort nur ,Europe United‘ lauten“

Verena Gräfin von Roedern, Generalkonsulin in Bordeaux, über ein starkes Europa und ihre Arbeit im diplomatischen Dienst

 

Sie waren als Diplomatin schon in aller Welt tätig. Wie sehen Sie sich: als Kosmopolitin, Europäerin, Deutsche?

Als alles drei zusammen, beziehungsweise als eine Kosmopolitin mit einer starken Verankerung in Europa sowie in Deutschland. Dabei bedeutet für mich Kosmopolitin zu sein, dass ich mich auf andere Kulturen und deren Menschen relativ leicht einstellen kann, ohne meine eigene Identität dabei aufzugeben. Dazu gehört auch, dass ich mehrere Sprachen gelernt habe.

 

Sie haben in einer Zeit Abitur gemacht und dann studiert, in der die Europäische Union (EU) stark wuchs. Hat das Ihren Wunsch beflügelt, Diplomatin werden zu wollen?

Sicher war dies ein Faktor, da es mir zeigte, wie wichtig die Zusammenarbeit in Europa zur Wahrung eines dauerhaften Friedens ist. Es war aber auch die Tatsache, dass ich bereits als Schülerin andere Länder nicht nur als Touristin kennenlernen durfte und das Interesse zumindest an einer vorübergehenden Tätigkeit im Ausland dadurch geweckt wurde. So machte ich einen privat organisierten Schüleraustausch mit einer Engländerin und einer Französin, sowie einen vom Gymnasium Michelstadt initiierten Schüleraustausch mit einer Kanadierin. Mein Interesse für Politik wurde aber vor allem durch meinen Gemeinschaftskundeunterricht geweckt, in dem wir mit unserem Lehrer heiße politische Diskussionen führten!

 

Was unterscheidet den diplomatischen Dienst in einem EU-Land am meisten von demjenigen in einem Land, das nicht zur EU gehört?

In Ländern außerhalb der EU geht es darum, nicht nur die Interessen Deutschlands zu vertreten, sondern möglichst gemeinsame Positionen gegenüber dem Gastland auf europäischer Ebene zu entwickeln und dann auch nach außen zu vertreten. Während meiner Zeit als deutsche Botschafterin in Nepal haben sich die sechs dort vertretenen EU-Länder (andere Länder ließen sich in Nepal durch ihre Vertretung in Indien repräsentieren) regelmäßig miteinander abgestimmt und politische Termine oft gemeinsam wahrgenommen. Auch bei der Entwicklungszusammenarbeit stimmte man sich ab, so dass jedes Land entsprechend der eigenen Expertise in anderen Bereichen tätig war.

In einem anderen EU-Staat geht es darum, wie man gemeinsamen Positionen im EU-Rahmen Nachdruck verleihen oder bei unterschiedlichen Positionen auf Kompromisse hinarbeiten kann. Man stimmt sich aber auch in EU-Staaten über ein gemeinsames Vorgehen in Krisengebieten sowie die Bewältigung von auf nationaler Ebene nicht zu bewältigenden Herausforderungen ab, Klimaschutz, Migrationskrise, neue Sicherheitsbedrohungen durch terroristische- oder Cyberangriffe und so weiter.

 

Ihnen ist schon seit langem eine enge deutsch-französische Beziehung wichtig. Warum ist sie bedeutsam für Europa?

Das erste Mal mit den deutsch-französischen Beziehungen wurde ich als Schülerin während eines einmonatigen Schüleraustausches konfrontiert und wurde bereits damals von ihrer Wichtigkeit überzeugt. So ist die Versöhnung zweier großer sich im Krieg feindlich gegenüber gestandener Länder wohl eine einzigartige historische Begebenheit. Diese daraus erwachsene deutsch-französische Freundschaft ist jedoch heute bedeutsamer als je zuvor. Mit dem Brexit wird das erste Mal ein Land die EU verlassen und wir verlieren einen wichtigen Partner. In vielen Ländern, einschließlich Frankreich und Deutschland, sehen wir ein Anwachsen rechtspopulistischer Parteien, die die EU in ihren Grundwerten zu erschüttern versuchen. In einer solchen Phase ist die deutsch-französische Kooperation, die offen für andere Partner ist und sich für ein starkes und geeintes Europa einsetzt, von überragender Bedeutung. Dies haben wir gerade mit der Unterzeichnung des Vertrages von Aachen bekräftigt. In Zeiten von „America first“ kann unsere Antwort nur „Europe United“ lauten. 

 

Erbach war 1963 die erste Stadt im Odenwaldkreis, die eine französische Partnerstadt hatte. Insgesamt gibt es im Odenwaldkreis acht Partnerschaften mit französischen Kommunen. Worin sehen Sie heute den Hauptzweck dieser Verbindungen?

Zunächst ging es einmal darum, persönliche Animositäten und Feindschaften zwischen zwei Nachbarländern, die immer wieder im Krieg miteinander gestanden haben, durch persönliche Kontakte zu überwinden. Das Sich-vertraut-machen mit Menschen, die eine andere Sprache sprechen, eine andere Kultur haben, aber auch mit uns viel Gemeinsames teilen. Das Bild über den jeweiligen Nachbarn war sicher nie so gut wie heute. Persönliche Kontakte werden immer wichtig bleiben, allerdings geht es jetzt auch darum, vom anderen zu lernen. Wie löst unsere Partnerstadt ihre Infrastrukturprobleme, die Abfallentsorgung, was tut sie für den Klimaschutz oder die Integration von Ausländern, um nur einige Beispiele zu nennen. Viele vergessen dabei, dass in den Odenwald schon in den 60er Jahren Gastarbeiter der ersten Generation kamen, die heute oft nur noch an ihrem Namen zu erkennen sind.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Errungenschaften der EU?

Ich könnte jetzt neben der Friedenssicherung eine lange Liste von Errungenschaften aufzählen, primär spiegeln diese sich aber alle in den vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes, nämlich dem freien Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital wider. Wer in der jüngeren Generation erinnert sich schon an Grenzkontrollen. Wer weiß noch, wie ungewöhnlich und schwierig es früher war, als Student oder gar als Auszubildender für eine Zeit lang ins europäische Ausland zu gehen. „Erasmus +“, das internationale Mobilitätsprogramm der EU, hat Türen und Tore für junge Europäer geöffnet und ihnen ganz andere Möglichkeit zum Erlernen einer Fremdsprache und zur beruflichen Flexibilität gegeben.

 

Warum sollten die Bürgerinnen und Bürger am 26. Mai an der Wahl des Europäischen Parlaments teilnehmen?

Zunächst einmal bin ich der Meinung, dass jeder mündige Bürger immer und zu jeder Wahl gehen sollte. So schwer auch manchmal die Entscheidung für die eine oder die andere Partei fallen mag, sich durch Nicht-Wählen der Einflussnahme auf den politischen Entscheidungsprozess ganz zu entziehen, halte ich für keine Alternative. Gerade diejenigen, die mit der EU unzufrieden sind, nehmen sich die Möglichkeit auf den Entscheidungsfindungsprozess in der EU Einfluss zu nehmen, wenn sie nicht wählen.

 

Die Fragen stellte die Pressestelle des Landratsamts.

 

Zur Person:

 

Verena Gräfin von Roedern ist seit Juli 2018 Generalkonsulin in Bordeaux. Geboren wurde sie im Jahr 1955 in Erbach. 1974 machte sie Abitur und studierte von 1975 bis 1981 Jura in Heidelberg und München sowie Französisch in Paris. Außerdem gab es längere Auslandsaufenthalte in den Vereinigten Staaten und in Argentinien, bevor sie 1984 in den diplomatischen Dienst eintrat. Es folgten mehrere Stationen im Auswärtigen Amt, zunächst in Bonn, später in Berlin und im Ausland. Zuletzt war die Diplomatin von 2008 bis 2012 Botschafterin in Nepal, dann bis 2015 Generalkonsulin in Edinburgh sowie bis 2018 Ständige Vertreterin in der der Botschaft in Den Haag.

Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit als Generalkonsulin in Bordeaux liegt auf der so genannten Public diplomacy, wie sie sagt, also darauf, so viel wie möglich in dem großen Amtsbezirk präsent zu sein. Beispiele sind Gedenkveranstaltungen und Jubiläen von Städtepartnerschaften, aber auch Vorträge in Schulen und Universitäten. Mit geringen Mitteln unterstützt das Generalkonsulat kleinere Kulturprojekte und hat auch ein Auge auf die deutsche Wirtschaft im Amtsbezirk. Außerdem können dort wohnende deutsche Staatsangehörige Passanträge im Generalkonsulat stellen.

 

 

Bisher erschienen: Teil 1
(International gut vernetzt - Partnerschaften mit Städten und Regionen)

 

Bisher erschienen: Teil 2 
(„Ein Erfolgsmodell, das wir fortführen müssen“)

 

Bisher erschienen: Teil 3
(Millionen für Landwirtschaft, Regionalentwicklung und Gründer)

 

Bisher erschienen: Teil 4
(Die Firma Bechtold & Sohn agiert international)


06.05.2019


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen