„Brauchen urbane Zentren und Hochschulstandorte im ländlichen Raum“

Setzt sich für die Zukunft ländlicher Räume ein: Landrat Frank Matiaske.

Landrat Frank Matiaske hat die Bundes- und Landespolitik aufgefordert, der „in jüngerer Zeit wieder gestiegenen Aufmerksamkeit für den ländlichen Raum“ mehr Taten folgen zu lassen. „Dass ländlich geprägte Gebiete wieder mehr in den Fokus der Politik gerückt sind, ist zu begrüßen, allerdings muss noch viel getan werden, um sie auch tatsächlich weiterzuentwickeln“, sagte Matiaske gestern Abend beim Immobiliendialog der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt.

 

Matiaske sprach sich vor rund 80 Zuhörern in der IHK-Zentrale unter anderem für eine gezielte Förderung von Kleinstädten aus, um sie zu „attraktiven, urbanen Zentren“ im ländlichen Raum machen zu können. Er sei froh über die Diskussion, die es mittlerweile in Hessen über die Rolle „Zentraler Orte“ gebe. Aufgabe müsse sein, die wichtige Funktion jener Städte für die sie umgebende Kleinregion zu stärken. Das helfe, einem teils massiv drohenden Leerstand zu begegnen. Außerdem setzte sich Matiaske für die Ausgründung von Hochschulstandorten in ländliche Gebiete ein. Beispielhaft sei das Vorgehen des Landes Baden-Württemberg, das Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis zu einem Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gemacht habe. „Dort studieren 3.600 junge Leute“, hob er hervor. Mit Ausgründungen wie diesen könne auch Hessen ländliche Regionen stärken und die Wohnungsnot von Studenten in Großstädten senken.

 

Überdies müsse viel mehr als bisher für eine sehr gute Breitband- und Mobilfunkabdeckung ländlicher Räume getan werden, fügte Matiaske hinzu. Die Digitalisierung sei in fast allen Lebensbereichen von großer Bedeutung, etwa im Gesundheitswesen, das für Bewohner ländlicher Räume genauso gut sein müsse wie dasjenige in den Ballungszentren. Dabei spiele auch die Tele-Medizin eine wichtige Rolle. Zwar sei die Breitbandversorgung im Odenwaldkreis dank des frühzeitigen Engagements der Kreispolitik schon sehr gut. „Aber in der Mobilfunkabdeckung hinken wir den Ballungszentren gnadenlos hinterher.“

 

Dabei seien Investitionen in den Mobilfunk gerade auf dem Land entscheidend: „Noch ehe die ersten autonom fahrenden Autos in Städten wie Darmstadt unterwegs sind, werden die Felder bei uns mit entsprechenden Traktoren bestellt werden. Diese mähen, pflügen oder säen nicht nur, sondern analysieren über digitale Prozesse auch die Boden- und Pflanzenqualität und führen die passenden Maßnahmen durch.“

 

„Der ländliche Raum ist aber mehr als Landwirtschaft oder Tourismus“, fügte der Landrat hinzu und verwies auf zahlreiche namhafte Firmen, die ihren Sitz im Odenwaldkreis haben, zum Beispiel Pirelli, Koziol, Rexroth-Bosch, Rowenta, Freudenberg und Röchling. „Der Kreis ist ein wichtiger und wertvoller Industriestandort“, so Matiaske. Für die weitere Vermarktung von Gewerbe- und Industrieflächen habe die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main bereits ein geeignetes Instrumentarium, die Frankfurt Rhein-Main GmbH. Allerdings sei die Region hier noch „viel zu kleinteilig aufgestellt“, kritisierte Matiaske. „Wir müssen mehr als bisher über Ländergrenzen hinweg denken. Uns fehlen dort – wie an vielen anderen Stellen – Visionen.“

 

Auf die Förderung ländlicher Räume durch die Europäische Union angesprochen, forderte Matiaske eine Neuordnung. „Es gibt derzeit viele Programme mit jeweils relativ geringem Volumen. Besser wären weniger Programme mit mehr Volumen.“ Wie der Landrat schilderte, arbeitet der Odenwaldkreis derzeit an einem Konzept, wie die Städte und Gemeinden mittels einer beim Kreis angesiedelten Fördermittelberatung die Programme besser ausschöpfen können.

 

Matiaske warb generell für einen neue Perspektive für die regionalpolitischen Debatten. „Wir sollten weg von der Metropol-Diskussion hin zur ‚Regiopole‘.“ Das Nachdenken und Reden über die Metropolregion verharre zu sehr in der Dualität von Metropole und Umland, monierte der Landrat. „Wir müssen aber viel mehr als bisher auf Augenhöhe miteinander sprechen, uns also als ,Regiopole‘ aufstellen. Wer Stadt sagt, muss Dorf denken.“

 

 

 


12.04.2019


LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen