Aktuelles

Schritt für Schritt auf dem Weg zum Chef

Gabriele Quanz ist Hebamme von Beruf – nur dass sie es nicht mit werdenden Müttern zu tun hat, sondern mit werdenden Unternehmern. Sie weiß von vielen Geburtswehen zu berichten und davon, was alles zu tun ist, damit ein Betrieb einen guten Start ins Leben hat. Ihre Hilfe ist gefragt im Odenwaldkreis, dessen Wirtschafts-Service sie koordiniert. Von ihrem Büro in der Altstadt von Erbach aus und bei vielen Fahrten durch den ländlich geprägten Landkreis berät sie Männer und Frauen, die eine Firma übernehmen oder neu gründen wollen und knüpft für sie die nötigen Kontakte.

 

So wie für Kai Frindt. Der 38 Jahre alte Mann führt seit Januar 2016 ein eigenes Unternehmen in Michelstadt. Die KARO Kunststoffzerspanung Kai Frindt GmbH stellt Kunststoffbauteile für Maschinen und Apparate in etlichen Branchen her, zum Beispiel in der Medizin-, der Lebensmittel- und der Chemietechnik. Je nach Auftrag werden die Produkte entweder vollständig selbst angefertigt, oder sie werden als Rohlinge geliefert und entsprechend bearbeitet, etwa mit Hilfe von Dreh- oder Fräsmaschinen. Dieser Produktionsprozess heißt „Zerspanung“.

 

Frindt kennt die Abläufe in seinem Unternehmen sehr gut. 2005 kam der gelernte Maschinenbaumechaniker als Mitarbeiter in den Betrieb. Der damalige Eigentümer Theodor Harling hatte sich schon frühzeitig mit der Übergabe seiner Firma beschäftigt und Frindt als möglichen Nachfolger eingestellt. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg. Als es schließlich ernst wurde, nahm der Neu-Unternehmer die Hilfe des Wirtschafts-Services des Odenwaldkreises in Anspruch. Alles begann mit einem Gründer-Seminar, das er 2014 besucht hatte. „Ohne den Wirtschafts-Service wäre mein Weg ins Unternehmertum nicht in so guten Bahnen verlaufen“, ist sich Frindt sicher.

 

Abgesehen von den ersten zwei, drei Wochen als Geschäftsführer, in denen er kaum Schlaf fand, hat er nie damit gehadert, Arbeitgeber geworden zu sein. Mit der Auftragslage seines Betriebs ist er ziemlich zufrieden. In dem Unternehmen sind zehn Mitarbeiter beschäftigt, und Frindt könnte noch mehr einstellen. „Wenn es denn genügend Fachkräfte gäbe“, seufzt er. Geplant ist, den Nachwuchs demnächst selbst auszubilden, zu Beginn mit einer Lehrstelle.

 

Für Quanz hat Frindt die „Königsdisziplin“ einer Unternehmensgründung gemeistert: die Übernahme eines bestehenden Betriebs. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie groß die Aufgabe im Odenwaldkreis ist. Wie die Wirtschaftsförderin sagt, gibt es rund 3.900 Unternehmen im Landkreis: 2.400 Unternehmen mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mitarbeiter und 1.500 Einzelpersonen, die ihre Selbständigkeit voll ausüben. Quanz verweist auf eine Schätzung der KfW-Bank, der zufolge in den nächsten  zehn Jahren bundesweit bei etwa einem Drittel der Unternehmen Übergaben anstehen. „Bezogen auf den Odenwald müssen also kurz- bis mittelfristig pro Jahr 130 Unternehmen übergeben werden, oder sie müssen schließen“, so Quanz.

 

Sie weiß um den Ernst der Lage, gerade mit Blick auf Branchen wie die Gastronomie und den kleinflächigen Einzelhandel oder auf Unternehmen, die aufgrund verschiedener, betriebsinterner Faktoren „nicht übergabefähig“ seien. Doch schwarzmalen will sie nicht: „Bisher haben wir uns ganz wacker geschlagen.“ Das sieht auch Landrat Frank Matiaske so. Er weiß, was der Odenwaldkreis am Wirtschafts-Service hat, der zur Odenwald-Regional-Gesellschaft (Oreg), einem Tochterunternehmen des Kreises, gehört: „Er ist  unverzichtbar für eine gute Entwicklung des Kreises, der ein lebendiger Wirtschaftsstandort ist.“

 

Wichtige Partner für die Unterstützung werdender Unternehmer sind für den Wirtschafts-Service die Sparkasse Odenwaldkreis und die Volksbank Odenwald. „Sie haben das Thema schon frühzeitig angepackt, ihre Kunden sensibilisiert und gemeinsam mit uns  Netzwerke in der Region geschmiedet“, sagt Quanz. Von zentraler Bedeutung ist das Mentoren-Netzwerk, das für sie nichts weniger als eine „Geheimwaffe“ ist, wenn es um Gründungen und Unternehmensübernahmen geht. Zehn erfahrene Unternehmer und Führungskräfte stellen ihr Wissen Existenzgründern unentgeltlich zur Verfügung. Auch sie sind quasi Geburtshelfer für werdende Unternehmer.

 

Kai Frindt weiß die Hilfe seines Mentors Reiner Oertl, einem erfahrenen Unternehmer aus der Kunststoffbranche, bis heute zu schätzen. „Es ist schließlich noch kein Geschäftsführer vom Himmel gefallen“, sagt er und verweist zum Beispiel auf die wertvolle Unterstützung Oertls für die Erstellung des Businessplans und die Gespräche mit Banken, um die nötigen Kredite zu bekommen. „Das mit den Mentoren ist eine sehr gute Idee“, lobt Frindt.

 

Quanz will die Hilfe durch die Mentoren im Landkreis noch bekannter machen, nicht zuletzt um gezielt auf junge Männer und Frauen zuzugehen, die unternehmerisch tätig sein wollen. „Noch kennen zu wenige Unternehmer und potenzielle Gründer dieses Angebot.“ Landrat Matiaske motiviert alle, die Beratungsbedarf sehen, dazu, den Rat des Wirtschafts-Services zu nutzen: „Wir haben ein Beratungsangebot für die Odenwälderinnen und Odenwälder auf einem ganz hohen Niveau.“

 

Quanz und er haben dabei auch Bürger mit Migrationshintergrund im Blick. Unter ihnen gibt es zwar relativ viele Gründer, aber ihre Unternehmen sind  mitunter nicht allzu lebensfähig, auch wegen fehlender Kontakte zu wichtigen Institutionen.

 

Im vergangenen Jahr wurden durch den Wirtschafts-Service 94 Gründungsvorhaben intensiv begleitet, davon 53 in der Dienstleistungsbranche, 37 im Feld Handel/Gastronomie und vier im produzierenden Gewerbe/Handwerk. 2015 wurden waren es 194 Gründungsvorhaben. „Der Rückgang der Beratungen entspricht dem bundesweiten Trend, die Zahl der Gründungen sinkt seit 2012 kontinuierlich“, sagt Quanz.

 

Dennoch gibt es im Odenwald durchaus die Bereitschaft, Unternehmen zu gründen oder zu übernehmen, wie auch eine Erhebung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung zeigt. Der Odenwaldkreis hatte bei dem Regionenranking „Neue Unternehmerische Initiative“ im Jahr 2008 mit Rang 161 begonnen und sich, abgesehen von einer Delle im Jahr 2014, kontinuierlich verbessert. „Wir haben das Niveau der Gründungen halten können“, sagt Quanz rückblickend.  „Die positive Entwicklung spornt uns an, in unseren Bemühungen nicht nachzulassen“, fügt Landrat Matiaske hinzu.

 

Die bisher beste Platzierung für den Odenwaldkreis gab es in der vor kurzem vorgelegten Statistik für 2015: Von 402 Kreisen und kreisfreien Städten belegt er Platz 28 und rangiert damit vor den Kreisen Groß-Gerau, Darmstadt-Dieburg und Bergstraße sowie der Stadt Darmstadt. Aber nicht nur das. „Es war zwar knapp, aber zum ersten Mal liegen wir sogar vor der Stadt Frankfurt“, sagt Quanz nicht ohne Stolz. Den Stolz einer Hebamme.

 

Hintergrund: Der Wirtschafts-Service des Odenwaldkreises

Der Wirtschafts-Service des Odenwaldkreises bietet allen Gründungswilligen, die im Odenwaldkreis wohnen oder ihren Firmensitz planen beziehungsweise einen bestehenden Betrieb übernehmen wollen, eine kostenfreie Unterstützung an, zum Beispiel Beratungsgespräche zur Erstorientierung, bei der Erstellung des Geschäftskonzepts, aber auch umfassende Unterstützung bei der Gewerbeflächensuche und der Beantragung von Zuschüssen und Darlehen.  Hierzu arbeitet er eng mit der Sparkasse Odenwaldkreis, der Volksbank Odenwald und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen zusammen. Außerdem hat der Wirtschafts-Service ein Mentoren-Netzwerk an seiner Seite. Zehn erfahrene Unternehmer und Führungskräfte bieten ihren Rat unentgeltlich an.

 

Unterstützt wird der Wirtschafts-Service des Odenwaldkreises durch Gelder der Europäischen Union und des Landes Hessen über die „Gründungsoffensive Bergstraße-Odenwald“. In deren Rahmen richtet der Wirtschafts-Service gemeinsam mit der Wirtschaftsregion Bergstraße/Wirtschaftsförderung Bergstraße GmbH alljährlich auch den Gründerwettbewerb „GO“ aus. Außerdem organisiert der Wirtschafts-Service zusammen mit der Sparkasse jährlich einen Gründerwettbewerb für Schülerinnen und Schüler des Beruflichen Schulzentrums Odenwaldkreis. Ziel ist, junge Leute früh an das Thema Existenzgründung und Selbstständigkeit heranzuführen.

 

Hintergrund 2: Die KARO Kunststoffzerspanung Kai Frindt GmbH

Die Firma geht zurück auf eine im 19. Jahrhundert gegründete Horn- und Elfenbeindrechslerei. Karl Rodenhauser – das „Karo“ im Unternehmensnamen erinnert bis heute an den Firmengründer – stellte das Unternehmen im Jahr 1966 auf die Bearbeitung von Kunststoffen um, seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird gar kein Elfenbein mehr verarbeitet. Im Jahr 2005 zog das Unternehmen aus Bad König in das Michelstädter Gewerbegebiet „Hüttenwerk“. Die Produkte – von Prototypen bis zu Stückzahlen von 10.000 und mehr – werden an 120 Kunden geliefert, die meisten von ihnen sitzen in Deutschland.


18.05.2017

LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen