Aktuelles

Ein neues Kapitel in der Geschichtsschreibung des Odenwaldkreises aufgeschlagen

Ein neues Kapitel in der Geschichtsschreibung des Odenwaldkreises hat das Buch von Dirk Strohmenger über den „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis“ aufgeschlagen. Landrat Frank Matiaske überreichte bei der Vorstellung des Werks am 21. März 2016 symbolisch das erste Exemplar an den Autor. Bild: Manfred Giebenhain

Viele Unterstützer haben an dem Buch von Dirk Strohmenger über den „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis“ mitgewirkt. Landrat Frank Matiaske (links) überreichte ihnen zum Zeichen des Dankes und der Anerkennung je eine Ausgabe des 450 Seiten starken Bandes. Bild: Manfred Giebenhain

Von Manfred G i e b e n h a i n

 

Es war eine Mammutaufgabe, deren Ergebnis sich sehen lassen kann: Am 21. März 2016 stellte Landrat Frank Matiaske im vollbesetzten Sitzungssaal des Landratsamtes in Erbach  das Buch „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis" vor. Herausgeber des umfassenden Werks ist das Kreisarchiv unter der Leitung von Anja Hering. Mit der Aufarbeitung des schwierigen Themas war Dirk Strohmenger aus Fischbachtal, Doktorand an der Universität Marburg und Gymnasiallehrer an der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim, beauftragt worden. Vor über 100 Zuhörern, darunter etliche Mandatsträger von Kreistag und Kreisausschuss, amtierende und ehemalige Bürgermeister sowie Kommunalpolitiker aus Städten und Gemeinden, erinnerte Matiaske daran, dass der Auftrag – auf Antrag der Grünen-Fraktion – auf einen Beschluss des Kreistags im Jahr 2009 zurückging. Unter den Gästen weilte auch sein Amtsvorgänger Horst Schnur, der in jenem Jahr noch die Geschicke des Landratsamts geleitet hatte.

 

Mit der Vorstellung des 450 Seiten starken Bandes wird ein neues Kapitel in der Geschichtsschreibung des Odenwaldkreises aufgeschlagen. Autor Strohmenger merkte dazu an, offiziell habe es bisher dazu geheißen, aus dem Jahr 1933 und den darauf folgenden sei kaum noch Aktenmaterial aufzufinden gewesen. Das Buch aber, an dem mehr als 70 Heimat- und Regionalforscher auf unterschiedlichste Weise mitgewirkt haben, beweise nun, dass nicht alles vernichtet wurde oder verloren ging.

 

Die Fotoaufnahme auf dem braunen Einband zeigt den NS-Aufmarsch anlässlich der Baumpflanzung in der Marbach von 1933. Das Bild wird aus zerschnittenen Einzelteilen zusammengesetzt. Der „Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis" hat nicht sein vornehm umschriebenes Ziel erreicht, ". . . dass überalls vollkommene Ruhe und Ordnung herrscht. . .", wie es in der Unterzeile dazu heißt. Untersucht hat Strohmenger den damaligen Landkreis Erbach, wie der Odenwaldkreis bis zur Gebietsreform von 1972 noch hieß, und die heute zum Kreisgebiet zählenden Gemeinden aus den Nachbarkreisen. Mit der wissenschaftlichen Veröffentlichung wird sieben Jahrzehnte nach Ende der Schreckensherrschaft Licht in das Dunkel der Vorgänge während der Nazidiktatur im Odenwald gebracht.

 

Der Autor ist etlichen Fragen nachgegangen: Wie war die NSDAP im Odenwald organisiert und wer waren ihre Spitzenfunktionäre? Wie funktionierte die „Gleichschaltung“ und wer beteiligte sich in der Rolle als Landrat, Bürgermeister oder in anderer Führungsposition an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wie war das Verhältnis zwischen Amtspersonen und den Parteioberen? Wie und wo nahm alles seinen Anfang und wie gingen die braunen Machthaber gegen Minderheiten und Andersdenkende vor? Das genannte Zitat stammt aus der Steinbacher Unterschriftenliste vom 24. März 1933, in der die Bürger sich hinter ihren Bürgermeister Wilhelm Stein (SPD) stellen. Die Kreishilfspolizei sah bereits mit der Eingabe das proklamierte Ziel gefährdet und zog die Listen ein; Stein und weitere 49 demokratische Amtsträger mit ihm verloren ihren Posten. Wer sich, wie Stein, öffentlich zur Wehr setzte, landete im KZ Osthofen.

 

„Das Buch ist kein Krimi, aber mindestens so spannend zu lesen, besonders seines regionalen Bezugs wegen", wartete Strohmenger mit etlichen weiteren Beispielen auf. Bemerkenswert sind auch das reichliche Bildmaterial und die Ablichtung von Originaldokumenten, die den beschriebenen Kapiteln ein Gesicht geben. Landrat Frank Matiaske, der das Geleitwort zum Buch verfasst hat, dankte nicht nur dem Verfasser mit der Überreichung des ersten Exemplars. Auch alle Akteure aus der Heimat- und Regionalforschung wurden für ihre Unterstützung mit dem Buch als Präsent bedacht.

 

Dirk Strohmenger konnte nicht nur auf das bereitgestellte Material aus Privatbesitz zurückgreifen. Fündig geworden ist er unter anderem in Gemeinde- und Stadtarchiven, im Hessischen Hauptstaatsarchiv und sogar im Bundesarchiv in Berlin. Mit der vorliegenden Veröffentlichung sei die Geschichtsschreibung der Jahre 1933 bis 1945 keinesfalls vollständig und abgeschlossen, forderte Matiaske zu einer tiefer gehenden Aufarbeitung der NS-Zeit auf lokaler Ebene auf. Die jüngere Generation sei gefordert, „einer Verharmlosung entgegenzutreten und falsche Darstellungen zu korrigieren. In eine solche Schiene dürfen wir uns nie wieder hineinbegeben", lautete sein Appell. Alle weiterführenden Schulen im Kreisgebiet werden mit einem Klassensatz an Büchern ausgestattet.

 

Namen, Zahlen, Fakten

Das Buch "Nationalsozialismus im Erbacher Landkreis" ist in neun Kapitel gegliedert und wird von einem 30-seitigen Anhang ergänzt, der über die erstellten Datensätze im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen, befragte Zeitzeugen, gedruckte und ungedruckte Quellen Auskunft gibt sowie ein umfassendes Literaturverzeichnis enthält. Untersucht hat Dirk Strohmenger alle Städte und Gemeinden im damaligen Landkreis sowie die heute zum Odenwaldkreis zählenden Orte aus den Nachbarkreisen. Eingangs stellt er das Untersuchungsgebiet, seine Bevölkerung und die Erwerbszweige bis 1945 vor. Es folgt die Betrachtung von den Anfängen des Nationalsozialismus bis zum Beginn des Dritten Reichs auf regionaler Ebene mit einer Fokussierung auf 1933 und die Ereignisse rund um die sogenannte Machtergreifung. Anschließend beleuchtet Strohmenger die NSDAP und ihre Verbände im Odenwald, um diesen die Strukturen im Erbacher Kreisamt unter der Frage „Einheit von Partei und Staat?" gegenüberzustellen. Die weiteren Kapitel widmen sich den Gewaltanwendungen gegenüber Minderheiten und politischen Gegnern sowie der Deportation der jüdischen Einwohner. Danach greift der Autor die Zustimmungsdiktatur und alltägliche Uniformierung auf und schließt mit den Gewaltexzessen an allen Fronten in den Kriegsjahren.

 

Täter wie Opfer werden beim Namen genannt – hohe Parteifunktionäre und auch die beiden Kreisdirektoren und zwei Landräte, die zwischen 1932 und 1945 für die Umsetzung der reichsweiten Direktiven verantwortlich zeichneten. Verschwiegen wird nicht, dass die NSDAP-Kreisleitung von 1934 an für etwas mehr als vier Jahre mietfrei vom Landratsamt aus agiert hat. Die Gründung der ersten Ortsgruppe in Beerfelden (1925) wie die Herausbildung des zweiten Stützpunkts im Gasthaus Spreng (1927), „der Hochburg im Walde", stehen für die Anfangsjahre. In Erzbach war der dienstälteste Bürgermeister der NSDAP im Gau Hessen-Nassau zu Hause. Und im Juli 1931 belegte der Raum Erbach bereits Platz drei unter den mitgliederstärksten Landkreisen in Hessen. Dokumentiert sind die Wahlergebnisse, die Aktivitäten der NS-Verbände sowie die blutigsten Straßenkämpfe und Schlägereien in Gaststätten mit dem politischen Gegner. Das Buch wurde in einer Auflage von 1.000 Exemplaren in der Steinbacher M-&K-Satz-, Druck- und Verlags-GmbH hergestellt und ist zum Preis von 25 Euro im Landratsamt (Bürgerservice) sowie im Buchhandel erhältlich. Die ISBN lautet 978-3-9815625-4-5.


22.03.2016

LOGOs: EU Sozialfonds,Hessen und EU Investition in die Zukunft, EFS Für Menschen in Hessen